Arbeit mit Karikaturen

Martin Geisz

Karikaturen - Medium Globalen Lernens

Viele Intiativen - wie zumBeispiel auch der Verein "Solidarisch leben lernen e.V“. und die Redaktion der Zeitschrift epd- Entwicklungspolitik - bemühen sich schon lange um einen prominenten Platz für das Angebot von Karikaturen aus der Dritten Welt. Hier äußern sich zu den im Norden diskutierten Problemen Betroffene aus dem Süden als "Subjekte" selbst. Sie spekulieren nicht auf Mitleid, sondern beziehen klare Positionen und fordern oft genug zu einer Stellungnahme heraus.

Karikaturen gehören in der Schule in vielen Fächern zum Unterrichtsalltag: im Religions-, Ethik und Politikunterricht als besondere Form von Illustration, Anstoß, Kommentar oder Provokation, im Geschichtsunterricht als Quelle mit all ihren eigenen Gesetzen, natürlich auch im Kunstunterricht bei der Beschäftigung mit einer besonderen Form visueller Kommunikation (oder der Karikatur als Form grafischen Arbeitens).

Lehrkräfte, die Karikaturen einsetzen, bauen auf die Möglichkeiten, die das Medium auszeichnen: Bild - non-verbaler - Zugang statt endloser Texte, Überraschungsmoment statt langer theoretischer Abhandlungen, Provokation statt lahmen Kommentars.

Hinweise für Unterricht und Bildungsarbeit

In der Datenbank "Entwicklungspolitische Bildung 1999", für die im Comenius-Institut alle gängigen Publikationen zum Globalen Lernen ausgewertet und verschlagwortet werden, findet sich unter dem Schlagwort "Karikatur" nur ein einziger Eintrag (epd- Dritte-Welt-Information ....1993). Die Auseinandersetzung aus der Sicht von Didaktik und Methodik Globalen Lernens steht demnach noch am Anfang. Ich denke, dass die hier gegebenen Hinweise für den Alltagsunterricht wenigstens etwas weiterhelfen können.

Den Unterrichtsideen liegt eine Einschätzung von Karikaturen im Hinblick auf politische Bildung zugrunde, die D. Grünewald in einem Handbuch so formuliert hat: "Die Karikatur ist ein subjektiver politischer Kommentar des Zeichners (und/oder seiner Auftraggeber) ... Die Karikatur ist erkennbar parteilich ... Die politische Karikatur ist subjektive, parteiliche Meinung über ein aktuelles Geschehen, die möglichst vielen möglichst rasch mitgeteilt werden soll. Die technische Reproduzierbarkeit und das rasch zu verbreitende Medium sind wichtige Grundlagen der politischen Karikatur, deren satirische Kritik dann Aufmerksamkeit erregt, wenn sie Betroffene erreicht und anspricht. Als Satire sucht die Karikatur das Bekannte Vertraute zu hinterfragen, neue Sehweisen zu erreichen um durch Entlarvung des unbefragt hingenommenen seine Entlarvung zu betreiben. Dabei kann die Kritik .. analytische Qualität gewinnen, kann sich aber auch auf die Beschreibung beschränken, kann kommentierend, polemisch, agitatorisch- propagandistisch bis zum ätzenden Hass sein .... Der Rezipient wird zum Mitdenken aufgefordert; der Wahrheitsgehalt der Kritik erschließt sich erst, wenn die Basis der Aussage auf die Wirklichkeit bezogen und überprüft wird. ... Sie reduziert, übertreibt, deformiert, verkleidet und baut in ihrer Wirkung auf unmittelbare Anschaulichkeit. Die Veränderung des gewohnten Wirklichkeitsbildes schafft Distanz, die jetzt die Chance zum Überdenken gibt" ( Grünewald S.380).

Es geht um Zusammenhänge, die für Lernen überhaupt, für Globales Lernen aber im Besonderen weit über kognitiven Wissenserwerb hinausgehen: Reduktion auf Wesentliches, statt ein breites Angebot von Informationen, die letztlich oft Objektivität auch nur vorspiegeln. Karikaturen bieten Anschaulichkeit in einem tieferen Sinn - im Kontrast oder als Ergänzung zu wortreichen Analysen, die allzu oft gerade für Schüler mehr verdecken als erklären, weil bei theoretisierenden Abhandlungen Textarbeit und Informationsgewinnung zum Selbstzweck werden. Sich mit Karikaturen auseinandersetzen bietet die Chance für Lernen in Auseinandersetzung mit anderen Standpunkten, erfordert Mitdenken - nicht unbedingt in gewohnten Bahnen, zuletzt die Chance auch zum Neu-denken. Bewußter Perspektivwechsel kann möglich werden, da er bei der Beschäftigung mit Karikaturen in vielen Fällen bereits für die Auseinandersetzung eine stille Voraussetzung ist (eingeleitet oft durch die beliebte Schülerfrage "Was will der eigentlich???").

Es könnten zum Beispiel die Karikaturen "- im Kontrast zu herkömmlichen, oft von SchülerInnen aus der eigenen Umgebung ohne großes Nachfragen übernommenen Positionen- dazu ermuntern, die eigenen Voreinstellungen einer kritischen Befragung zu unterziehen, sich der Frage stellen, nach Hintergründen und zu fragen, eine andere Perspektive in den Blick zu nehmen und in eigene Sichten in neue Zusammenhänge zu stellen.