K A R I K A T U R E N - ein attraktives Medium im Nord-Süd-Dialog
K. Friedrich Schade
Don't make me laugh! betitelt ein Inder sein Karikaturenbüchlein, das er der Redaktion epd-Entwicklungspolitik zugeschickt hat. Er reagierte auf unsere Ausschreibung in Indien, für ein Publikum in Europa Karikaturen aus Anlaß des 50. Jahrestages der Unabhängigkeitserklärung Indiens zu zeichnen.
Viele denken in der Tat beim Stichwort Karikatur an etwas zum Schmunzeln. Daß einem dabei ganz anders werden kann, mußte die Redaktion vor Jahren erleben, als sie auf dem Deckblatt ihrer Zeitschrift eine Karikatur aus den USA brachte, die des damaligen Präsidenten Ronald Regans Nicaraguapolitik bissig auf den Punkt brachte. Als diese Ausgabe dann bei einer Demonstration vor dem US-amerikanischen Konsulat in Frankfurt auftauchte, erregte sie sogleich das Interesse der deutschen Polizei. Sie wurde beschlagnahmt, und Kräfte, denen die Redaktion schon längst ein Dorn im Auge war, versuchten die Gelegenheit zu nutzen, um ihr an den Kragen zu gehen. Das Kuriose war, daß genau diese Karikatur in den USA gerade einen ehrwürdigen Preis erhalten hatte und dort selbstverständlich ohne jede Probleme kursierte.
Heute geht es seltener heiß her um die Karikatur - jedenfalls in unseren Breiten. Anders war dies im 18. und 19. Jahrhundert, als die Karikatur in den damals aufblühenden Zeitungen eine wichtige Rolle der Kritik und des politischen Wandels spielte. Bilder als Satire sind natürlich viel älter. Martin Luther, der in seiner Auseinandersetzung mit den Bilderstürmern erkannt hatte, wie sehr die Wirksamkeit der Bilder von der Deutung des Betrachters abhängt, verteidigte das Bild als Waffe wider die Papisten.
Im England des 18. Jahrhunderts, in der Verschmelzung der Karikatur mit der volkstümlichen Tradition des "Sittengemäldes", erschließt sich die Karikatur soziale Themen. Gelang es den Engländern, der Karikatur diesen Raum zu öffnen, so wird in Frankreich die Karikatur zum politischen Kampfmittel erhoben. 1830 wird in Paris die erste satirische Zeitschrift, "Caricature", publiziert.
Von Großbritannien wanderte die Karikatur auch in das von ihm unterjochte Indien und entfaltete dort allmählich in den Zeitungen eine vielfältige Praxis - inzwischen eine Tradition von hoher Blüte. Kaum eine indische Tageszeitung, die man morgens aufschlägt, entbehrt einer treffenden Kennzeichnung einer politischen Fragestellung durch das Stilmittel der Karikatur - weit mehr als in europäischen Ländern.
Um einiges politischer wird die Karikatur seit langem in Lateinamerika eingesetzt, wobei die Stilformen dort eine große Ästhetik aufweisen. In den vielen Militärdiktaturen war oftmals nur noch über die Form der Karikatur Kommunikation und Widerstand möglich - soweit nicht auch das rabiat unterbunden wurde.
1984 verkündigte das Pinochet-Regime den "Bando 19", einen historisch einmaligen, absurden Erlaß, der die Veröffentlichung von "Bildern jeglicher Art" verbot. Anlaß waren die fotografischen Zeugnisse und die Karikaturen, die sich über Pinochet lustig machten. Allerdings wurde diese Maßnahme sehr schnell zum Bumerang für den Diktator. Vorlagen erschienen, in denen die Leser - wie in den Bilderrätseln für Kinder - die Zahlen (es war nämlich nicht verboten, Zahlen zu veröffentlichen!) der Reihenfolge nach mit Linien verbinden mußten und eine ins Bild gesetzte politische Parole gegen die Diktatur erhielten. Ein anderer, grotesker Akt der Zensur erfolgte dort im August 1987. Die gesamte Auflage einer Sondernummer der Zeitschrift APSI mit dem Titel "Die tausend Gesichter Pinochets" wurde beschlagnahmt. Grund: Auf der Titelseite erschien eine Karikatur Pinochets, dargestellt als "Sonnenkönig" Ludwig XIV. Die Verantwortlichen der Zeitschrift wurden von der Regierung angezeigt und verhaftet. Diese Anzeige war begleitet von einem kuriosen "psycho-politischen Bericht" des Geheimdienstes CNI, der in der Anklage gipfelte, die Humoristen hätten einen "versuchten Mord am Bild" begangen.
Die Zeitschrift epd-Entwicklungspolitik gibt seit Jahren Stimmen des "Südens" in besonderer Weise Raum, indem sie Karikaturen aus Ländern der Dritten Welt einholt und publiziert. Als sich die Eroberung Lateinamerikas zum 500. Male jährte, wurde aus solchen Karikaturen eine Ausstellung zusammengestellt, die sich zugleich mit der Neuen Weltordnung von US-Präsident Bush auseinandersetzte. Eine Karikatur aus Indien brachte es auf den Punkt und gab auch den schönen zweideutigen Titel "Hoch-Zeit für die Eine Welt" für die Ausstellung her.
Dieses ständige Angebot von Karikaturen löst mehr und mehr Interesse in Deutschland und auch in benachbarten Ländern aus, dem mit dieser CD-ROM Rechnung getragen wird. In der Redaktion epd-Entwicklungspolitik kann inzwischen auf eine weit größere Zahl zurückgegriffen werden.